Masterarbeit: Potentiale von MOOCs im Fernstudium

Eigentlich wollte ich den Artikel längst geschrieben haben. Aber wie das so ist, es kommt immer wieder was dazwischen. So auch ein xMOOC, an dem ich teilgenommen habe, aber dazu ein andermal…
Es war jedoch eine interessante Erfahrung, sich nach einigen Monaten mit seiner eigenen Masterarbeit noch einmal intensiver auseinanderzusetzen.  Und nun zu diesem Part meiner Masterarbeit 😉

Zuerst einmal ist natürlich eine definitorische Grundlage notwendig und dazu geht es auch etwas in die Geschichte der universitären Fernlehre.

Interessant ist es dafür auch ältere Beiträge zu durchforsten. Im deutschsprachigen Raum stehen da Dohmen (1967 – 1), Delling (1971 – 2, 1978 – 3), Holmberg (1978 – 4) und Peters (5, 6) ganz oben auf der Liste. Dohmen lieferte hierzu einen Definitionsansatz der auch heute noch herangezogen werden kann. Er (1967, S. 9 – 1) fasst unter einem Fernstudium: „[…] ein planmäßig aufgebautes Selbststudium, bei dem die Anleitung zum Studium, die Darbietung des Studienmaterials sowie die Sicherung und Überwachung des Studienerfolgs durch ein Team verantwortlicher Lehrkräfte mithilfe weitreichender Medien über eine größere räumliche Entfernung hinweg ermöglicht wird“. Ein Fernstudium kann somit als angeleitetes Selbststudium bezeichnet werden. Und das gibt es schon länger als man denken könnte. Aus heutiger Sicht mag es fast schon nicht mehr vorstellbar sein, dass man aus der Ferne studieren kann, so ganz ohne Internet, ja sogar ohne Telefon. Interessant wird dabei die Geschichte des Fernstudiums und Modelle die man zur Strukturierung heranziehen kann.
Für die Geschichte gibt es einen übersichtlichen Beitrag im L3T Lehrbuch von Zawacki-Richter (2011 und 2013 – 7), der die Geschichte nach dem Modell von Garrison (1985 – 8) in drei Generationen unterteilt. Auch interessant ist in diesem Zusammenhang der Beitrag von Lehmann (2012 – 9) der Grundzüge der Fernlehre skizziert.

Neuere Definitionen gibt es natürlich auch, so wird bspw. Distance Education von Moore und Kearsley (2012, S. 2 – 10) als  „[…] teaching and planned learning in which teaching normally occurs in a different place from learning, requiring communication through technologies as well as special institutional organisation“ definiert. Die institutionelle Organisation umfasst weit mehr als nur die Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden. Für die Komplexität der Unterstützungsfunktionen der Fernlehrinstitution sollte man deshalb den systemischen Charakter in den Blick nehmen. Es bietet sich dazu an, das Modell der helfenden Organisation von Delling (1971 – 2, 1978 – 3) heranzuziehen.

Theorien zum Fernstudium gibt es einige. Empfehlenswert ist es dafür das „International Handbook of Distance Education“ (11) durchzusehen, insbesondere Kapitel 1. Ich hatte in meiner Masterarbeit auf die Theorie der transaktionalen Distanz von Moore (12) zurückgegriffen. Mit dieser fokussiert Moore darauf, dass Struktur, Dialog und Autonomie die konstituierenden didaktischen Kriterien sind, die die Qualität bestimmen. Konnektivistische MOOCs (cMOOCS) habe ich dann in dieser Theorie verortet. Die transaktionale Distanz wächst nach  Moore, je mehr ein fester Lernweg vorgeschrieben und je weniger Dialog möglich ist. In cMOOCs gibt es keinen festen vorgeschriebenen Lernweg und der Dialog (Sichwort aktive Partizipation) ist in cMOOCs nicht nur gewünscht, sondern zentraler Bestandteil. Dieser findet nunmehr nicht mehr nur zwischen Lehrenden und Lernenden statt, sondern vor allem auch zwischen Lernenden. Bei dieser Verortung ist die transaktionale Distanz in cMOOCs deshalb gering (vorausgesetzt es gibt Teilnehmeraktivitäten, werden nur wenige/keiner aktiv, dann wäre auch kein Dialog zwischen den Lernenden möglich…). Dies hängt mit der dritten Variablen unmittelbar zusammen – die Autonomie der Lernenden in cMOOCs ist hoch. Die Qualität hängt nun auch davon ab, wie die Lernenden mit der gegebenen Autonomie umgehen (können- Stichwort Selbstorganisation). Moore (1993, S. 32 – 12) hält fest, dass die Lehrenden die Lernenden beim Erwerb von Fähigkeiten zum autonomen Lernen unterstützen sollen, schägt jedoch keine konkreten Maßnahmen vor. Die Theorie ist nicht ohne Kritik geblieben, da sie Inkonsistenzen aufweist (bspw. siehe bei Lehmann 2012, S. 34 – 9). Bei der Verortung von MOOCs mittels der Theorie gibt es dabei auch Herausforderungen, dies ändert jedoch nichts daran, dass die Kernelemente weiterhin gültig bleiben. So hält Tait (2003, S.5 – 13) fest:  „[…] the core notion of distance in Moore’s theory – that the space between the learner and the structure of teaching must be mediated by dialogue, offering the learner the opportunity to be an active participant – remains valid, but needs to be challenged as all theory does by the application of new cases“.

Neben den definitorischen und didaktischen Betrachtungen des Fernstudiums, ist es gerade bezüglich MOOCs noch interessant die Open-Learning-Bewegung in den Blick zu nehmen. Diese sieht Bildungsmöglichkeiten für alle als wesentliches Element der postmodernen Gesellschaft an und gerade das Fernstudium bietet hier Flexibilität und Offenheit. Für Peters (2003 – 14) stellt ein Fernstudium ein System sui generis dar, wobei er hierbei die eigenständige Aspekte herausarbeitet. So bspw.:
„-the extension of university education to adults and persons with vocational and family obligations, to the goal of realising lifelong learning, to a university which is open to all people who are able to study and are offered a ,second chance‘ for enjoying and profiting from higher education […]“ (Peters 2003, S. 38 – 14). Er (2008, S. 283f. – 11a) fasst auch Charakteristika und Prinzipien, mit denen klar wird, dass die Open-Learning-Bewegung die Offenheit in den Dimensionen Zugang, Lehren und Lernen begreift.

Die Potentiale von cMOOCs für das Fernstudium ergeben sich dann daraus. Deimann (2012 – 15) sieht in MOOCs für Fernuniversitäten dann auch das Potential, dass mit ihnen sich die Fernuniversitäten weiter öffnen und neue Zielgruppen zu erreichen sind. Für Deimann (2012 – 15) sind sie auch kein neues Format im Fernstudium, sondern können als eine Weiterführung der humanistischen Mission des Fernstudiums verstanden werden.  Fernuniversitäten haben dabei zahlreiche Erfahrungen, wie man mediale Lernangebote für autonome Lernende umsetzt. MOOCs sind zudem ein Format, das es ermöglicht den geforderten ,educational paradigm shift‘ umzusetzen und neue Herangehensweisen zu explorieren (vertiefend dazu kann man bspw. bei Peters 2010 – 16 nachlesen). Ein weiteres Potential ist die Möglichkeit, dass Fernstudierende durch die aktive Teilnahme an MOOCs sich auch außerhalb der Universität vernetzen können. Als mögliche Probleme sind u.a. die curriculare Verankerung und die Zertifizierung zu nennen (ohne dies an dieser Stelle weiter auszuführen).

Der nächste Blogbeitrag zu meiner Masterarbeit stellt dann den Teil Konnektivismus und die Verortung von cMOOCs vor. Hierbei stellte ich das Format am Beispiel des OPCO12  vor, der auch die Datengrundlage meiner Forschung war. Und ich nehme mir fest vor, nicht wieder soviel Zeit dazu zu brauchen 😉

Einige Literaturhinweise/Leseempfehlungen und ein paar Anmerkungen hier und da:

(1)
Dohmen, Günther (1967). Das Fernstudium – ein neues pädagogisches Forschungs- und Entwicklungsfeld. Heidelberg: Quelle & Meyer.

(2)
Delling, Rudolf M. (1971). Grundzüge einer Wissenschaft vom Fernstudium. In: Epistolodidaktika 1, S. 14-20.

(3)
Delling, Rudolf M. (1978). Briefwechsel als Bestandteil und Vorläufer des Fernstudiums. In: Fritsch, Helmut (Hrsg.) ZIFF Papiere (19). Hagen: FernUniversität Gesamthochschule. Zentrales Institut für Fernstudienforschung. Online verfügbar unter URL: http://deposit.fernuni-hagen.de/1735/1/ZP_019.pdf (zuletzt abgerufen am 23.12.2013).
Überhaupt lohnt es sich das deposit::hagen zu durchforsten, wenn man nach (älteren) wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Fernstudium sucht!

(4)
Holmberg, Börje (1978). Fernstudiendidaktik als wissenschaftliches Fach. Hagen: FernUniversität Gesamthochschule. Zentrales Institut für Fernstudienforschung. Arbeitsbereich: Fernstudiendidaktik.

(5)
Peters, Otto (1995). Die Didaktik des Fernstudiums. Erfahrungen und Diskussionsstand in nationaler und internationaler Sicht. Hagen: Zentrales Institut für Fernstudienforschung. Fernuniversität-Gesamthochschule. Online verfügbar unter URL: http://deposit.fernuni-hagen.de/1900/1/ZP_100.pdf (zuletzt abgerufen am 23.12.2013).

(7)
Der Beitrag von Zawacki Richter bezieht sich auf die Geschichte des Fernunterrichts. Manchmal werden die Begriffe synonym gebraucht, bzw. wie in seinem Beitrag wird Fernunterricht als übergreifender Begriff gewählt (jedenfalls ist so mein Schluss). Es werden auch Begrifflichkeiten wie Fernlehre und im englischen – open und distance education/learning oder auch nur distance education gewählt. Die Begrifflichkeiten implizieren dabei verschiedene Schwerpunkte. Hierzu verweise ich auf den Beitrag von Lehmann (2012 – 9).
Zawacki-Richter, Olaf (2011). Geschichte des Fernunterrichts. Vom brieflichen Unterricht zum gemeinsamen Lernen im Web 2.0. In: Ebner, Martin/Schön, Sandra (Hrsg.) Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien. Online verfügbar unter URL: http://l3t.tugraz.at/index.php/LehrbuchEbner10/article/view/54/24 (zuletzt abgerufen am 04.03.2014).
Der 2013 überarbeitete Artikel ist hier zu finden: http://l3t.eu/homepage/das-buch/ebook-2013/kapitel/o/id/125/name/geschichte-des-fernunterrichts (zuletzt abgerufen am 04.03.2014).

(8)
Garrison, D. Randy (1985). Three generations of technological innovation in distance education. Distance Education, 6(2) S. 235-241. Zu finden bspw. hier: http://www.c3l.uni-oldenburg.de/cde/media/readings/garrison85.pdf (zuletzt abgerufen am 23.12.2013).

(9)
Lehmann, Burkhard (2012). Aus der Ferne Lehren und Lernen – zu den Grundzügen eines außergewöhnlichen Bildungsformats. In: Fogolin, Angela (Hrsg.) Bildungsberatung im Fernlernen. Beiträge aus Wissenschaft und Praxis (S. 19-41). Bielefeld: Bertelsmann (Berichte zur beruflichen Bildung). Zu finden ist dieses bei pedocs: http://www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=6547 (zuletzt abgerufen am 23.12.2013).

(10)
Moore, Michael, G./Kearsley, Greg (2012). Distance Education: A Systems View of Online Learning (3. Auflage). Wadsworth: Cengage Learning.

(11)
Evans, Terry/Haughey, Margaret/Murphy, David (Hrsg.). International Handbook of Distance Education. Bingley: Emerald Group Publishing Limited.
(11a)
Peters, Otto (2008). Transformation Through Open Universities. In: Evans, Terry/Haughey, Margaret/Murphy, David (Hrsg.). International Handbook of Distance Education (S. 279-302). Bingley: Emerald Group Publishing Limited.

(12)
Moore, Michael G. (1993). Theory of transactional distance. In: Keegan, Desmond (Hrsg.). Theoretical Principles of Distance Education (S. 22-39). London and New York: Routledge. Zu finden ist der Artikel hier: http://www.c3l.uni-oldenburg.de/cde/support/readings/moore93.pdf (zuletzt abgerufen am 02.03.2014)
Moore, Michael G. (2007). The Theory of Transactional Distance. In: Moore, Michael G. (Hrsg.) Handbook of Distance Education (2. Auflage) (S. 89-105). Mahwah: Lawrence Erlbaum Associates.

(13)
Tait, Alan (2003). Reflections on Student Support in Open and Distance Learning. International Review of Research in Open and Distance Learning Volume 4, Number 1. Online verfügbar unter URL: http://www.irrodl.org/index.php/irrodl/article/view/134/604 (zuletzt abgerufen am 10.03.2013).

(14)
Peters, Otto (2003). Distance education in transition. New trends and challenges (4. durchgesehene und erweiterte Auflage). Studien und Berichte der Arbeitsstelle Fernstudienforschung der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (Band 5). Oldenburg: BIS-Verlag der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Online verfügbar unter URL: http://www.uni-oldenburg.de/en/c3l/bachelor-master/master-programmes/mde/asf-series/volume-5/ (zuletzt abgerufen am 03.03.2014). Von ebendieser Arbeitsstelle gibt es noch mehr Studien und Berichte zum Fernstudium hier: http://www.uni-oldenburg.de/en/c3l/bachelor-master/master-programmes/mde/asf-series/#Volumes

(15)
Deimann, Markus (2012). Open Education: Offene Bildung und offenes Lernen – mehr als nur eine Alternative für E-Learning. In: Hohenstein, Andreas/Wilbers, Karl (Hrsg.). Handbuch E-Learning. Expertenwissen aus Wissenschaft und Praxis – Strategien, Instrumente, Fallstudien. Grundwerk: 2002. Kapitel 7.22 (42. Erg.-Lfg., Juni 2012) Köln: Fachverlag Deutscher Wirtschaftsdienst. Siehe dazu hier in seinem Blog: http://markusmind.wordpress.com/2012/06/25/beitrag-aus-dem-handbuch-e-learning-zu-open-education/

(16)
Peters, Otto (2010). Distance Education in Transition. Developments and Issues (5. durchgesehene, erweiterte und erneuerte Auflage). Studien und Berichte der Arbeitsstelle Fernstudienforschung der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (Band 5). Oldenburg: BIS-Verlag der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Online verfügbar unter http://www.uni-oldenburg.de/en/c3l/bachelor-master/master-programmes/mde/asf-series/volume-5/ (zuletzt abgerufen am 03.03.2014).

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