Rezension: Die Birkenbihl-Methode im Fremdsprachenunterricht

Karin Holenstein: Gehirn-gerechtes Sprachenlernen. Die Birkenbihl-Methode im Sprachunterricht. hep Verlag (Bern, Schweiz). 2013, 167 Seiten. ISBN 978-3-0355-0021-9 (Link zur Seite des Buches beim Verlag).

Autorin

Karin Holenstein ist Lehrerin und zertifizierte Birkenbihl-Trainerin. Sie begleitet seit Jahren Lernende beim Sprachenlernen mit der Birkenbihl-Methode nach Vera F. Birkenbihl und kann daher auf einen umfangreichen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Sie ist Inhaberin der Firma protalk, über die sie Kurse, Seminare und Workshops zum gehirn-gerechten Sprachenlernen mit der Birkenbihl-Methode anbietet.

Thema

Sprachen möchte man lernen, um sich mit anderssprachigen Menschen austauschen zu können. Gleichzeitig ist die Fähigkeit eine Fremdsprache, vor allem Englisch, zu beherrschen eine wesentliche Anforderung in der globalisierten Welt und vielen Berufen geworden. Methodisch gibt es dabei verschiedene Herangehensweisen. Wichtig ist dabei: Lernende möchten in aller Regel schnell Sprechfähigkeiten erwerben, um sich in Gesprächssituationen verständigen zu können. Gelingt dieses, bleibt auch die Motivation für ein Weiterlernen erhalten, denn die praktische Handhabung bietet Lernenden Erfolgserlebnisse. Jede Lehrmethode sollte dabei auch psychologische Erkenntnisse beachten. Es sollte klar sein, dass ein Pauken von isolierten Vokabeln für den nächsten Test und die Wiedergabe von Grammatikregeln noch nicht zu einer Sprachkompetenz in der praktischen Anwendung führt. Die Birkenbihl-Methode propagiert, durch die Berücksichtigung neurobiologischer Mechanismen, eine gehirn-gerechte Methode zu sein, mit der sich Lernende nicht nur Wissen aneignen, sondern sie auch zügig sprechen können. Sie ist dabei eine Methode, die ganz konkrete Instruktionen für die Herangehensweise gibt. Es sind einzelne Lernschritte vorgegeben, die nacheinander erfolgen sollen und aufeinander aufbauen.

Inhalt

Karin Holenstein fokussiert ihr Buch auf die Anwendung der Birkenbihl-Methode im Fremdsprachunterricht in der Schule. Es dient als praktischer Leitfaden für die Anwendung der Methode. Der Inhalt des Buches ist in drei Teile untergliedert, die nicht nacheinander gelesen werden müssen.
Im ersten Teil „Gehirn-gerechtes Lernen. Grundlagen der Birkenbihl-Methode“ (S. 13-39) werden neurobiologische Grundlagen zum gehirn-gerechten Lernen vorgestellt, auf denen die Methode aufbaut. Zuerst wird auf den Unterschied zwischen Wissen und Können eingegangen, wobei „etwas Wissen“ als Speicherung bestimmter Informationen im Gehirn (S. 21) und „Können“ als eine Tätigkeit gut ausüben zu können (S. 22), d.h. eine Sprache auch zu sprechen, beschrieben werden. Anschließend wird sich, bezüglich des Intelligenzbegriffs auf Perkins bezogen, der die Intelligenz in drei Faktoren aufteilt (S. 33): a) neuronale Geschwindigkeit, b) das vorhandene Wissensnetz, somit das Vorwissen und c) die Auswahl von Strategien und Methoden, die dem Lernenden zum Lernen zur Verfügung stehen. Abschließend werden 12 Neuro-Mechanismen des Gehirns vorgestellt, die für das Sprachenlernen mit der Birkenbihl-Methode als relevant angesehen werden.
Der zweite TeilDie Birkenbihl-Methode im Unterricht“ (S. 51- 107) stellt das zentrale Kapitel dar. Es ist eine konkrete Anleitung zur Anwendung der Birkenbihl-Methode, speziell zugeschnitten auf den schulischen Fremdsprachunterricht. Diese baut auf vier immer wieder kehrende Schritte auf:
1. Schritt: Dekodieren der fremdsprachigen Texte, d. h. den Text möglichst wörtlich übersetzen.
2. Schritt: aktives Hören, hierbei wird der Text in der Fremdsprache gehört und in Deutsch mitgelesen. „Das einzige Ziel des aktiven Hörens ist das Verstehen des Textes“ (S. 70).  Fortgeschrittene Lernende können hierbei in der Fremdsprache mitlesen und wechseln nur bei unbekannten Teilen/Wörtern in die deutsche Übersetzung.
3. Schritt: passives Hören, dieser Schritt dient dazu die Aussprache und „die im Text steckende Grammatik“ (S. 77) zu verinnerlichen. Wichtig ist, dass die Hörtexte von Muttersprachlern gesprochen werden. Grammatikregeln werden nicht bewusst gelernt, sondern werden beim passiven Hören unbewusst abgeleitet (S. 156). Passiv wird nebenbei gehört, während der Lernende andere Dinge erledigt.
4. Schritt: Aktivitäten, hierunter fallen das Lesen, Schreiben, Sprechen und Übungen zur Vertiefung (S. 82), wobei hierfür einige dargestellt werden. Der Lernende kann selbst entscheiden, welche Aktivitäten er durchführen möchte. Zusätzlich werden weitere gehirn-gerechte Methoden vorgestellt, die in Kombination mit der Birkenbihl-Methode eingesetzt werden können.
Im dritten Teil
Die Birkenbihl-Methode in der Praxis“ (S. 117-135) lässt Karin Holenstein Stimmen aus der Praxis zur Wort kommen und nennt acht Argumente, warum die Birkenbihl-Methode im Fremdsprachenunterricht genutzt werden sollte. Abschließend gibt sie Antworten auf verschiedene, häufig gestellte Fragen zur Birkenbihl-Methode (S. 142-162).

Diskussion

Die Birkenbihl-Methode erinnert, durch die Strategie sich erst mit den Texten umfassend vertraut zu machen, bevor mit diesen weitergearbeitet wird, auch etwas an das Flipped Classroom Konzept (siehe bspw. hier). Die Unterrichtszeit dient damit weniger der umfassenden Einführung der Texte und der expliziten Auseinandersetzung mit Grammatikregeln, sondern kann mehr für die aktive Arbeit der Lernenden genutzt werden. Es ist dabei jedoch unbedingt notwendig, dass die Lernenden ihre Hausaufgaben erledigen, also vor allem zu Haus den Schritt des passiven Hörens durchführen. Lernende, die diesen Schritt nicht erledigen, könnten schnell den Anschluss an das Lerngeschehen im Unterricht verlieren. Eine Nähe zur Immersionsmethode ist ebenfalls erkennbar, die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen eine effektive Methode zum Fremdsprachenlernen darstellt (siehe bspw. hier).

Das oberste Lernziel ist das zügige und richtige Sprechen einer Sprache, ohne Grammatikregeln zu lernen und Vokabeln zu pauken. Bisher stehen jedoch wissenschaftliche Studien zu den Lernerfolgen mit der Birkenbihl-Methode noch aus. Es wäre angebracht hier Studien durchzuführen, um die propagierten Vorteile der Birkenbihl-Methode wissenschaftlich zu überprüfen.

Es kann nur begrüßt werden, wenn im schulischen Unterricht vielfältige Methoden eingesetzt werden. Auch Karin Holenstein selbst plädiert für eine Methodenvielfalt im Fremdsprachenunterricht (S. 9). Die Birkenbihl-Methode und die im Buch dargestellten zahlreichen Beispiele für Feinmethoden können als ein wichtiger Methodenbaukasten im Fremdsprachenunterricht verstanden werden.

Der Autorin ist es gelungen die Birkenbihl-Methode verständlich zu erklären. Lehrende haben mit diesem Buch einen Leitfaden mit zahlreichen konkreten Beispielen zum Einsatz der Birkenbihl-Methode im Fremdsprachenunterricht an der Hand. Hervorzuheben ist die praxisnahe Anleitung zu Möglichkeiten der Verzahnung von schulischem Unterrichtsmaterial mit der Birkenbihl-Methode. Damit werden die in Schulen vorzufindenden Schulmaterialien und Realitäten berücksichtigt. Der Einsatz im Unterricht ist nicht ohne ein, gerade anfangs, beträchtliches Engagement der Lehrperson zu bewerkstelligen. Auch die Eltern und Lernenden müssen auf die Birkenbihl-Methode vorbereitet und mitgenommen werden. Die Erfahrungsberichte im Buch beschreiben Erfolgserlebnisse und Spaß beim Fremdsprachenerwerb. Sie verweisen darauf, dass sich der Mehraufwand des Lehrenden im Interesse der Lernenden lohnen kann.

Das Buch empfiehlt sich damit insbesondere für Lehrende im Fremdsprachenunterricht aber auch für Eltern, die ihre Kinder beim Fremdsprachenerwerb unterstützen möchten.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Buchtipps abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s