Open learning?

Vom 27.06. bis zum 01.07.2011 habe ich an der Konferenz EdMedia 2011 in Lissabon teilgenommen. Dabei war ein wichtiges Thema open learning. Was bedeutet denn open learning, wie open sollte, auch darf es denn sein? Gibt es dazu einen Trend und wohin geht er?

Erik Duval bspw. hat einen Vortrag (Keynote und eine anschließende Diskussion, in der Fragen gestellt werden konnten) zum Thema: „On the importance of being open“ (Folien einzusehen bei  Slideshare) gehalten. In seinem Vortrag hat er verschiedene Aspekte zu OPEN thematisiert. Ich greife hier mal nur open learning auf und zwar im formalen Lernen (v. a. an der Universität) und aus der Überlegung heraus, dass Lerner auch mitbestimmen sollten, wie offen ihre Lernprozesse gemacht werden.

Offenes Lernen heisst für Erik Duval (jedenfalls habe ich es so verstanden), Lernen im öffentlichen Raum und zwar nicht nur freiwillig, sondern als Grundlage und Selbstverständlichkeit. Nun kann ja open learning in einer Vielzahl von Aktivitäten geschehen. Er nannte bspw. zuerst einen Pflichtkurs, in dem er als Lehrperson von den Teilnehmern fordert, dass sie sich gegenseitig Quellen empfehlen und diese auch in 2 bis 3 Sätzen  kurz vorstellen, evtl. bewerten. Dies stellt den öffentlichen Teil des Kurses da (bookmarks bei delicious). Im öffentlichen Raum können so eine Vielzahl anderer Lerner davon  lernen und es erleichtert ihr eigenes Suchen nach Quellen für ein Thema. Ein anderes Beispiel, dass er gegeben hat, war in einem von ihm angebotenen optionalen Kurs. Die Teilnehmer müssen bei Facebook sein und in einem öffentlichen Weblog über ihre Projekte schreiben.

Wer keinen Facebook Account hat, kann den Kurs nicht belegen. Für mich persönlich ist das kritisch zu sehen, denn ich werde so gezwungen einem sozialen Netzwerk anzugehören, zu dem es ja auch einige kritische Stimmen gibt (siehe bspw. hier – Artikel in der Süddeutschen von 2010) .

Im öffentlichen Weblog schreiben hat Vorteile, so nannte er, dass man damit die Unterstützung von anderen erhalten kann, auch insbesondere von Experten. Es entsteht so ein Netzwerk, in dem die Lernenden viel mehr Input erhalten und anders diskutiert werden kann, als wenn das Lernen nur in einer geschlossenen Umgebung stattfinden würde. Das ist sicher ein wichtiger positiver Aspekt. Auch wird Lernen so transparent, jede Gruppe sieht was andere Gruppen machen und man kann/soll sich auch gegenseitig Unterstützung und Feedback geben (wobei das auch in einer geschützten Lernumgebung, zumindest für die Teilnehmer eines Kurses möglich wäre). Für nachfolgende Beleger des Kurses ist das sicher positiv, können sie doch so sehen, wie andere vor ihnen Probleme angegangen sind. Aber das bedeutet eben auch, dass noch Jahre später jeder sehen kann, wenn man dort evtl. etwas falsch verstanden hat, Fehler gemacht hat usw. Auch und das hat er selbst auch kurz  angesprochen, könnten dies bspw. spätere potentielle Arbeitgeber finden, die einem bei einer Bewerbung im Internet checken. Finden diese so einen Beitrag könnten sie zu dem Schluss kommen, der Bewerber ist nicht kompetent genug für den Job. Und könnte dies nicht sogar dazu beitragen, dass evtl. Konkurrenten einem mit der Zitation dieser Posts „madig“ machen? Ein sehr weites Feld, open learning kann man aus diesen Überlegungen heraus, deshalb auch kritisch gegenüberstehen (Erik Duval thematisierte das durchaus auch selbst).

Und zwar für mich vor allem, weil es zwingend ist, d. h. der Lernende kann nicht mehr selbst darüber bestimmen, was er öffentlich und was er lieber im geschützten Raum lernen will. Natürlich könnten sich die Lernenden auch selbst zusätzlich einen geschützten Raum bereitstellen, bspw. vorher per E-Mail alle Posts erst diskutieren und erst dann veröffentlichen. Das erfordert jedoch insgesamt hohe Kompetenzen der Lerner, ist ihnen bspw. bewusst, das ein Post im offentlichen Raum auch viele Jahre später noch aufzufinden sein wird? Wie bewerten die Lerner dies, wie weit können sie evtl. Konsequenzen abschätzen? Behindert das am Ende sogar die Kommunikation, wer wird noch, wie in einer geschützten Umgebung, bspw. Verständnisfragen relativ unbekümmert stellen (wollen)? Behindert das am Ende evtl. sogar Lernprozesse, weil die Lerner durch dieses Bewusstsein eben nicht mehr offen mit ihren persönlichen Hindernissen, Verständnisfragen u. ä. umgehen und sich auch nicht mehr auf Diskussionen einlassen wollen, wenn sie sich nicht sehr sicher sind, dass sie sich im Mainstream befinden? Wird so evtl. sogar unorthodoxes Denken und Kreativität behindert? Das sind spannende Forschungsfragen und die Forschung dazu steht wohl noch ziemlich am Anfang…

Ist open learning zudem eigentlich auch für alle Felder des Lernens geeignet? Eine Frage in der Diskusison war dann bspw., wie es eigentlich in medizinischen fallbasierten Lernen sein kann, also der Fall (ein realer Patient steht dahinter) wird im öffentlichen Raum erörtert. Klar gibt es dabei keine Namen, aber könnten nicht andere Internetnutzer evtl. darauf kommen, wer der Patient ist und das könnte Auswirkungen auf das weitere Leben des Patienten (oder seiner Nachkommen) haben. Stellt man sich jetzt mal vor, der Patient oder die Nachkommen könnten aufgrund dessen den Arbeitsplatz verlieren (evtl. auch ohne je zu erfahren was der Auslöser war). Alles ziemlich hypothetisch, evtl. sogar ziemlich unrealistisch, aber trotzdem doch aus meiner Sicht zumindest bedenkenswert. Oder stellen sie sich vor, eine/r oder eine Gruppe von MedizinstudentInnen ziehen die falschen Schlüsse? Wie kompetent würden sie so eine Ärztin/einen Arzt denn einschätzen, würden sie sich bei ihr/ihm in Behandlung geben, wenn sie dies im Internet über sie/ihn erfahren hätten?

Open learning ist ein vielversprechender Ansatz und findet defakto im Internet auch schon reichlich statt (bspw. beschreibe ja auch ich hier in meinem öffentlichen Weblog einige meiner Lernprozesse oder stelle Lernergebnisse vor). Aber aus meiner Sicht sollten/müssen ethische Gesichtspunkte, Schutz von Lernenden und vor allem Freiwilligkeit in der Partizipation, gerade im formalen Lernen, mit in Entscheidungen einfliessen! Von Lehrenden muss genau bedacht werden, welche Lernaufgaben überhaupt geeignet sind, im öffentlichen Raum bearbeitet zu werden. Differenzierung ist notwendig und der Datenschutz/Rechte der Person darf nicht außen vor gelassen werden. Lernende sollten und müssen hier mitbestimmen können.

Ich würde mich über Kommentare zur Thematik freuen. Also wie offen könnte/sollte/darf open learning an Schulen und Universitäten sein?

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2 Antworten zu Open learning?

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